Von der Vollkommenheit, die dem Leben zu Grunde liegt

Karina Wisniewska

 

In meiner Arbeit geht es um Vollkommenheit, so wie wir sie uns vorstellen, die Bilder sind aber weit davon entfernt, vollkommen zu sein – tatsächlich sind sie ganz fern davon, so wie wir selbst. Technische Fertigkeit ist eine Gefahr, wie in allen Künsten so wie im wirklichen Leben.

In unserem Inneren gibt es Erkenntnis der Vollkommenheit. Wenn wir mit unseren Augen schauen, sehen wir sie. Wie sie funktioniert, ist für uns ein Rätsel und unerreichbar. Die innere Erkenntnis der Vollkommenheit suchen, heisst das innere Leben leben. Es ist für Künstler nicht notwendig, das innere Leben zu leben. Es ist für sie bloss notwendig, Eingebung zu erkennen oder darzustellen – auch wenn es immer nur eine Andeutung bleiben wird.

Ein monochromes Bild zu malen ist eine Herausforderung. Die Leidenschaft für solch reduziertes Arbeiten hat ihren Ursprung in der Fähigkeit, das zu sehen, was so genannte Kritik von Experten oft versäumt. Es ist eine Übung, dort sehen zu lernen, wo das Sehen befreit ist von den Zwängen des voreiligen Bewertens und kategorischen Denkens.
Wie vielleicht kein anderer Typ abstrakter Malerei, ermutigt die Monochromie zur Feinabstimmung des Wahrnehmungsapparates und – anhand des Lernens, still zu sein – zu einer tieferen Durchdringung des Selbst. Trotz ihres Eindrucks von Einfachheit haben monochrome Bilder eine geheimnisvolle Aura.

Was diesen Arbeiten gemeinsam ist, ist die Gelegenheit, die Komplexität in der «einfachsten» aller Erfahrungen zu verstehen. Tatsächlich beginnt die Komplexität mit der Tatsache, dass «monochrom» eine irreführende Bezeichnung ist. Die meisten monochromen Bilder sind virtuelle monochrome Bilder. Trotzdem die Aura einer einzigen Farbe als wahrnehmbare Erscheinungsform geboten wird, sind die meisten Arbeiten aus vielen Schichten verschiedener Farben oder aus vielen Schichten verschiedener Quarzsandstrukturen entstanden – was zu ausdrucksstarken Oberflächen führt, die einen organischen Eindruck vermitteln. Solche Werke mögen auch eine Art visuellen Hunger wecken, der uns dazu bringt, die potenzielle Komplexität der Gestaltung eines Gemäldes, seiner Oberfläche und des Materials zu erkunden, und der uns empfänglicher macht für die umgebende räumliche Situation wie die Wände oder andere Gemälde in unmittelbarer Nähe.

Als Musikerin und auf der Suche nach der lebendigen Symbiose zwischen Musik und Malerei gilt mein Interesse im Besonderen dem künstlerischen und philosophischen Erbe von John Cage und seinen musikalischen Erben. Für mich steht Cage als 'Klangphilosoph' höher denn als Komponist. Experimentelle Ausdrucksformen, die mit Geräuschen und ungewohnten Klangfolgen arbeiten, werden zumeist schnell als «unhörbar» oder «unharmonisch» abgelehnt. Viele seiner Werke scheinen mir als Konstrukte, die, wenn man die zugrunde liegende Theorie liest, sehr faszinierend wirken, jedoch in natura keinen dementsprechenden auditiven Eindruck hinterlassen. Seine Werke sind nicht am Bedürfnis nach Musik orientiert, sondern mit dem Willen nach etwas Ungehörtem und Experimentellen geschaffen worden. Die genauere Beschäftigung mit ihnen reisst auditive Wahrnehmung des Alltags aus den eingefahrenen Bahnen und öffnet die Ohren zum bewussten Hören.

Und Augen können zu bewusstem Sehen geöffnet werden. Die Räume und Farbstrassen meiner Klangbilder – Acryllackbahnen, mit reinem oder eingefärbtem Quarzsand angereichert – sind voll von Erscheinungen des Fliessens, des Spiegelns und des Unfasslichen. Das Nachsinnen über Anordnungen und Zufälligkeiten führt zur suggestiven Naturlandschaft. Die Wurzeln der Bilder liegen im Gedächtnis und in der Assoziation von Gefühlen und Erinnerungen. Zufälligkeiten und Absichten lösen einander ab. Die Richtungen der Farbspuren lassen sich lenken und steuern, das Zerfliessen und Ineinanderwachsen der Farbtropfen nicht mehr. Alles ist offen, und alles wirkt gleichzeitig strukturiert. Eine Ordnung aus Zufall und Struktur schafft eine neue Wirklichkeit von Raum und Zeit.

Aus dem Moment, dem Hier und Jetzt, entspringen Farben und Strukturen, die unsere Welt zeichnen. Frei aus der Empfindung heraus werden die Grenzen bis weit über die Leinwand hinaus ausgelotet, ein Gefühl von Unendlichkeit vermittelnd. Die ruhige, kontemplative Art des Arbeitens, die vorbehaltlose Hingabe den inneren Impulsen gegenüber steht in Resonanz mit der Aussenwelt.

Die sich verdickenden und dann wieder verdünnenden Linien scheinen sich zu verschieben, miteinander zu verschmelzen, werden zu einem zart schwingenden Gewebe.

Zuerst erkennt der Betrachter nur Linien, Farben, Proportionen, Formandeutungen, dann stellt sich ein Eindruck von Vorhandensein einer zweiten Natur ein. Wir sehen Diagramme von Energien, Strukturen, Kraftfelder, feine kristallene Grundmuster, die wir wiederzuerkennen glauben, weil ihre Natürlichkeit vermuten lässt, dass wir uns hier ähnlichen Gestaltungen gegenüber finden, in denen sich Natur zeigt. Diese visuelle Wahrnehmung geschieht über das Gefühl und gründet darauf, dass wir Urbilder der Landschaft oder Urformen der Natur in uns tragen. Alles Wissen und alle Intelligenz ist ein Lesen oder eine Interpretation von Mustern.

John Cage war Philosoph, Maler und Literat. Hinter allen seinen Arbeiten spürt man das Bedürfnis, «Bewusstsein zu schaffen» für Musik, für Verhaltensweisen und für unser Vermögen zu denken. Die Wirkung, die Cages Werk auf die Musik und Kunst des 20. Jahrhunderts ausübte, kann kaum ermessen, geschweige denn kritisch beurteilt werden. Unbestritten ist, dass die Entwicklungen in der Musik unserer Zeit ohne Berücksichtigung seiner Musik und seiner Ideen nicht verstanden werden können.

Als grosser Experimentator der neuen Musik und Vertreter der äussersten Avantgarde hat Cage die Grenzen des überkommenen Musikbegriffs erweitert und viele Komponisten tiefgreifend beeinflusst. Er sprengte den traditionellen Werkbegriff und trug entscheidend zur Emanzipation des Geräuschs bei. Bereits in den 30er Jahren begann er, sich mit den Gegensätzen von Klängen (harmonisch geordnete Obertöne) und Geräuschen (wenig oder gar nicht geordnete Obertonstruktur) und ihrem Einsatz als musikalische Elemente auseinander zu setzen und wollte gemäss dem Spruch «Alles ist Klang» den Eigenklang jedes Gegenstandes erfahren. Er sprach von einer Musik, die uns ständig umgibt, den Alltagsgeräuschen. Es wollte die Menschen dazu bewegen, bewusst auf diese Klänge zu achten und sie nicht als Störung, sondern als Bereicherung der Wahrnehmung zu sehen.

Die Gedanken des Zen hinterliessen deutliche Zeichen im Denken und Schaffen Cages. Begriffe wie Absichtslosigkeit, Bindungslosigkeit und gegenseitige Durchdringung wurden zu den bestimmenden Faktoren seiner Arbeit und erreichten ihre stärkste Ausprägung in der «Stille» von 4'33", seinem wohl bekanntesten Stück. Cage wollte für sich den physikalischen Inhalt des Wortes «Stille» ausloten, kam aber zu der Einsicht, dass es Menschen aufgrund der eigenen Körpergeräusche gar nicht möglich ist, Stille zu «hören», es ist vielmehr ein geistiger Zustand. Den Anstoss, dieses lautlose Werk zu schreiben, gaben ihm die weissen Leinwände von Robert Rauschenberg, auf den ersten Blick leere Bilder, die jedoch auch nicht «nichts» enthalten, sondern von Struktur gezeichnet sind.

Über meinen ganz dem eigenen Sinnen nachhorchenden Bildern liegt die Ahnung des tieferen Zusammenhangs der persönlichen Ausdruckswelt mit dem Universellen in und um uns, die Vertrautheit eines Wiedererkennens. Da ist noch immer die Liebe zur grossen Schöpfung, die Franz Marc als Ziel der Kunst definieren liess: «das ganze System unserer Teilempfindungen auszulösen, ein unirdisches Sein zu zeigen, das hinter allem wohnt». Diese Gestimmtheit gibt den Bildern den Klang, den Glauben, dass es einen feinen Punkt gibt, wo das Drinnen und Draussen, das Nahe und Ferne, das Seelische und Dingliche zur Deckung kommen und dass in der Erreichung dieses Punktes die Vereinigung mit der Dingwelt sich auf einer universaleren Ebene wieder vollziehen liesse.

 

 

karina wisniewska © 2006